08/12/2016

Reutlinger Nachrichten

 REUTLINGEN

Horacio Lavandera verknüpfte beim Konzert im Städtischen Kunstmuseum Spendhaus Alberto Ginasteras brillante Virtuosität mit eigenem Rhythmus-Feeling zu einem fesselnden Erlebnis. Foto: pr/Kulturamt

Munich Vienna Reutlingen“ heißen die Orte auf Horacio Lavanderas Terminplan. Nur in Reutlingen spielt er Modernes, andernorts tritt er als vielfach ausgezeichneter Pianist mit Bach, Mozart, Beethoven auf. Bei der Reihe „musica nova“ war er im Mai 2015 schon einmal, als Komponist für das Trio Brasilis. Nun also als Pianist mit neuer – auch eigener – Musik.

Es kommt selten vor, dass das Publikum schon im ersten Teil jubelt; dies war hier der Fall, und zwar nach Werken des Argentiniers Alberto Ginastera, dessen Geburtstag sich in diesem Jahr  zum 100. Mal jährt, und in dessen Vita Michael Hagemann als Reihen-Leiter einführte. Zunächst bei den „Danzas Argentinas“ op. 2 für Klavier: Horacia Lavandera trieb in den Tänzen 1 und 3 die ungeraden Rhythmen mit furiosem Drive voran, dem mittleren verlieh er bittersüß-romantische Züge. Derselbe glutheiße Sturmwind fegte durch Ginasteras Sonate Nr. 1 op. 22, brillante Virtuosität verband sich mit Lavanderas Rhythmus-Feeling zu einem fesselnden Erlebnis.

Genauso selten ist es aber, dass sich Zuhörer in der Pause und danach mehr oder weniger unauffällig entfernen; wobei dieses Mal die Pausenführung von Museumsleiter Herbert Eichhorn („Max Pechstein. Der Traum vom Paradies“) Anregung und Fluchtgelegenheit bot. Zwar hielt sich die dargebotene Musik im Rahmen der pianistischen Konventionen – Klangexperimente waren nicht vorgesehen –, dafür sprengte sie die Grenzen der Dynamik: Der teilweise rückhaltlos brutale Tastendonner war zuviel für den relativ kleinen Raum und für empfindliche Ohren.

Dabei standen nach der Pause die „Siete piezas para piano“ (sieben Klavierstücke) von Horacio Lavandera selbst auf dem Programm. Inspiriert von Lavanderas Affinität zu wissenschaftlichen Themen führten sie mit ihren wie Science fiction anmutenden Titeln in fantastische Welten, einen kontrastreichen Klang-Kosmos aus Explosionen, hämmernden Rhythmen, fernem Leuchten und einer Art Chor der Gestirne, auf der Suche nach neuen Strukturen. Als fragilen Fremdkörper (die „Insel aus Schnee“) hat Lavandera einen zart intonierten traditionellen Choralsatz eingefügt, bevor mit den donnernd einstürzenden Säulen die Katastrophe eintritt.

Mit den beiden folgenden Werken wurden Extrembeispiele raffiniert ausgeklügelter Tonwerke präsentiert; man könnte sie auch als Kopfgeburten der Avantgarde um 1960 bezeichnen: Iannis Xenakis’ „Herma“ und Karlheinz Stockhausens „Klavierstück XI“. Diese überhaupt live gespielt zu sehen und zu hören, nötigt allerhöchste Bewunderung für den Pianisten ab und ist ein Ereignis für sich.

Doch dem Normal-Ohr erschien „Herma“ hier als mit Donnergetöse hereinbrechender Sturm von Musik-Splittern und Fragmenten, deren kompositorischer Hintergrund (hermetisch) verborgen bleiben muss.

Ähnlich dunkel bleibt der Prozess, in dem der Spieler – gewollt absichtslos! – Stockhausens 19 Notate neu kombinieren soll. Zu erleben ist facetten- und ausdrucksreiche Splitter-Musik, die Lavandera genauso gut gekonnt improvisiert haben könnte – ein Spiel des Zufalls, orientiert an Stockhausens Vorgaben.

Das so beeindruckte wie begeisterte Publikum, das durchgehalten hatte, wurde mit zwei Zugaben belohnt: einer knallharten Interpretation von Piazzollas „Libertango“ und einer Wiederholung des Gaucho-Tanzes von Ginastera.

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